Licht aus! Gute Gründe die Dunkelheit zu schützen

Als hätten wir Angst davor, die Milchstraße sehen zu können, lassen wir unsere Städte die ganze Nacht hindurch wie Weihnachtsbäume leuchten. Mit ungeahnten Folgen für uns alle. Was Lichtverschmutzung ist, was du dagegen tun kannst und wie du spirituell an ursprünglich erlebter Dunkelheit wachsen kannst erfährst du in diesem Artikel.

So manches mal, beim Blick in den reizlosen Nachthimmel fange ich an, ein bisschen vor mich hin zu träumen. Ich stelle mir dann gerne vor, wieviel romantischer und geheimnisvoller zum Beispiel eine laue Sommernacht auf unserem kleinen Balkon in der Innenstadt sein könnte. Nur beschienen vom ganz ursprünglichen Licht der Sterne und des Mondes.

Würden sich unter einem ursprünglichen Sternenhimmel auf unserem schönen Balkon noch tiefere Gespräche ergeben? Bei einem Blick in ein Meer aus Millionen Leuchtpunkten, das uns zeigen würde, wie klein und unbedeutend wir doch eigentlich sind im Vergleich zum Rest der Gesamtschöpfung?

Es bleibt bis auf weiteres eine schöne Vision. Das ewig gelbe Licht der Straßenlaternen vereinigt sich mit tausend anderen Lichtquellen einer Stadt die eigentlich“schlafen“ sollte, zu einer gigantischen Lichtkuppel über unseren Köpfen. Jeder Versuch den Blick in den Kosmos schweifen zu lassen, scheitert unweigerlich an der undurchdringlichen Barriere aus Streulicht. Ich gehöre nicht nur zu den vielen Menschen die noch nie die Milchstraße in natura gesehen haben, nein, auch ich produziere gedankenlos unnützes Streulicht und trage meinen Teil zur Lichtglocke bei. Und ich bin mir sicher, du tust das unwissentlich auch.

Aber der getrübte Blick auf die Sterne ist nur eine der vielen negativen Auswirkungen unseres exzessiven Umgangs mit künstlichem Licht. So richtig bewußt wurde mir das Problem aber erst im vergangenen Jahr, im Rahmen einer Fachtagung über Fledermäuse, die ich mit Theresa in der Uni Erlangen besucht habe. Dort wurde der Rückgang von Nachtfaltern als weitere Folge der zunehmenden Lichtverschmutzung beklagt. Für mich also höchste Zeit, das Thema Lichtverschmutzung ganzheitlich aufzugreifen und in einen „natürlich-spirituellen“ Kontext zu setzen.

Einen ähnlichen Blick müssen wir Menschen auf die Sterne gehabt haben, bevor wir damit begannen, die Nacht zum Tag zu machen. Astronomische Beobachtungen sind für Laien heute ungleich schwerer. Unsere Emanzipation von der Dunkelheit macht uns buchstäblich blind und entfernt uns weiter von unserem kulturellen Erbe, als es nötig wäre.

Was ist Lichtverschmutzung und wie entsteht sie?

Der Begriff scheint schnell erklärt zu sein. In erster Linie beschreibt „Lichtverschmutzung“ die Verunreinigung natürlichen Lichts durch künstliche Lichtquellen. Damit geht eine Aufhellung des Nachthimmels einher, hervorgerufen durch die Streuung künstlicher Lichtquellen. Kurzgesagt, es wird einfach nicht mehr richtig und natürlich dunkel.

Auswirkungen auf das Ökosystem

Man muss nicht studiert haben, um zu wissen, dass sich unser Planet seit 4,6 Milliarden Jahren in einer ständigen Rotation um die eigene Achse befindet. Die stete Abfolge von Tag und Nacht erfolgt demnach ebenfalls seit Milliarden Jahren. Kein Wunder also, dass sich das Leben auf Mutter Erde diesem einem Uhrwerk gleichen Wechselspiel aus Licht und Dunkelheit perfekt angepasst hat. Ganze Ökosysteme fußen auf der perfekten Anpassung an die Dunkelheit. Hier einige Beispiele:

  • Pflanzen: Im Moment liegen noch wenig detaillierte Untersuchungen vor. Was man aber sicher weiß, ist dass die Tag und Nacht-Dauer erheblichen Einfluss auf den Beginn von Ruheperioden, zB. der Winterruhe hat. Dauerbeleuchtung kann also negativen Einfluss auf beinahe alle relevanten Vorgänge in unserer Fauna nehmen. Lichtemissionen können Blatt und Blütentrieb zu früh auslösen, so verschieben sich Blütezeiten, die Gefahr von Frostschäden wächst. Gerade in Kombination mit dem Wandel des Klimas sind Pflanzen in Bereichen mit erhöhter Lichtemission größerem Stress ausgesetzt als ihre Kollegen die an unbelasteten Standorten gedeihen.
  • Falter: Falter verlieren die Orientierung. Nachtaktive Falterarten werden aufgrund ihrer Lichtempfindlichkeit von Straßenlaternen, die Licht in aktuell gängigen Spektren emittieren, geblendet. Orientierungslos und blind verenden sie vor Erschöpfung beim Umkreisen des Leuchtkörpers. Gleichzeitig nimmt die Falterpopulation in naturnahen Gebieten wie Wäldern ab. Es entstehen „Hot-Spots“ unter Laternen und anderen Leuchtquellen von denen nur bestimmte Fressfeinde profitieren. Im schlimmsten Fall kommt es sogar zum Aussterben bestimmter nachtaktiver Insekten, da diese nachhaltig in ihrer gesamten Lebensweise gestört sind. Fortpflanzung und Kommunikation untereinander ist nicht mehr möglich.
  • Zugvögel: Auch auf das Leben von Zugvögeln hat die Lichtverschmutzung negative Auswirkungen. 2/3 aller Zugvogelarten wandern Nachts. Durch den zunehmenden Einsatz starker Lichtquellen wie Skybeamern verlieren die Tiere auf ihrer Reise die Orientierung und verbrauche wertvolle Energiereserven.
  • Meeresschildkröten: Frisch geschlüpfte Meeresschildkröten orientieren sich nach ihrer Geburt am Strand an der hellsten Stelle im Wasser, der Reflexion des Mondes. Anstatt in Richtung Wasser zu laufen, orientieren sie sich am Schein der Städte in Küstennähe und enden als Malzeit von Fressfeinden.

Auswirkungen auf unseren Körper

Auch wir sind Teil des Ökosystems und bilden keine Ausnahme wenn es um die negativen Auswirkungen der Lichtverschmutzung geht. Unser Biorhythmus wird, auch in der Industriegesellschaft, immer noch von der Sonne bestimmt. Wir sind also grundsätzlich am Tag aktive Wesen und auf die regenerierende Phase des Nachtschlafes unbedingt angewiesen. Dauerhafte unnatürliche Beleuchtung birgt für unseren Körper und im speziellen für unseren Hormonhaushalt daher eine Reihe von Risiken, die in der Folge wiederum schwerwiegende Erkrankungen begünstigen.

  • Ganz klassisch können sich Schlafstörungen entwickeln. Aus chronischen Schlafstörungen können sich im Einzelfall weitere Erkrankungen entwickeln.
  • Störungen im Hormonhaushalt. Einigen Studienergebnissen zufolge kommen Jugendliche in Gebieten mit erhöhter Belastung zb. früher in die Pubertät.
  • Das Risiko an Krebs zu erkranken scheint im Zusammenhang zu stehen mit den durch Lichtverschmutzung verursachten Veränderungen im Hormonhaushalt. Es wird weniger Melatonin produziert, die Folge ist ein Anstieg des Östrogenspiegels. Dieser wiederum begünstigt die Entstehung von Brustkrebs. Forscher scheinen nachgewiesen zu haben, dass das Risiko an Krebs zu erkranken in Gebieten mit besonders hoher Belastung höher liegt als in Gebieten mit geringerer Belastung.

Negative Auswirkungen auf unser kulturelles Erbe

Weniger Beachtung finden hingegen die weniger messbaren Auswirkungen. Der Mensch war, wie ich immer wieder gerne betone, von der Wiege der Zivilisation an auf die Beobachtung des Sternenhimmels angewiesen. Die größten Errungenschaften, Kalendersysteme, Feiertage, ja die ganze Entstehung von Kultur selbst wäre ohne die Beschäftigung mit den Sternen nicht möglich gewesen. Es scheint, dass da oben jetzt alles beobachtet wäre was es zu beobachten gibt. Astronomische Einrichtungen ziehen sich mit ihren Superteleskopen in entlegene, sprich finstere, Gebiete der Welt zurück um weiter zu forschen. Währenddessen bleibt dem Großteil von uns nichts anderes übrig, als sich mit dem kläglichen Rest zu begnügen, der noch sichtbar ist. Eigene Beobachtungen mit dem bloßen Auge zu machen wird immer schwieriger werden. Mit zunehmender Lichtverschmutzung nehmen wir uns die Möglichkeit und das Recht eines jeden Menschen auf „freien Zugang zu den Sternen“

Das kannst DU aktiv gegen Lichtverschmutzung in deinem Umfeld tun

  • Prüfe ob wirklich alles hell erleuchtet sein muss. Wieviel Licht brauchst du wirklich? Tut es nicht eine Glühbirne mit wenig Watt? Dauerbeleuchtung schadet schlussendlich nicht nur langfristig deiner Gesundheit, sondern auch deinem Geldbeutel.
  • Mach Nachts die Garten und Objektbeleuchtung aus
  • Bist du Geschäftsinhaber, lass dir das Lichtkonzept für dein Schaufenster noch einmal durch den Kopf gehen
  • Gewöhne dir an, mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen nicht mehr aufs Tablet oder Handy zu schauen, lies lieber ein Buch anstatt fernzusehen. Sich vor dem Schlafengehen noch einmal so richtig mit Licht zu beschießen verhindert die Ausschüttung des Hormons Melatonin beträchtlich.
  • Abends Vorhänge schließen und Rollos zu. Das verhindert nicht nur Streulicht nach außen, sondern hilft durch zusätzliche Dämmung auch noch Geld zu sparen.
  • Mach dich für Nachtaktive Tiere stark und informiere dich über die Bewohner der Nacht und ihre Bedürfnisse. Hilf zum Beispiel Fledermäusen und ihren wichtigsten Beutetieren, den Nachtfaltern, indem du einen entsprechenden Fledermausgarten mit speziellen, für Nachtfalter attraktiven Pflanzen anlegst.

Positive Auswirkungen von echter Dunkelheit auf deine spirituelle Entwicklung

  • Kreativität kann entstehen. Die Nacht war und ist schon immer das Refugium der Kunstschaffenden und Kreativen gewesen. Kein Wunder, keine Ablenkung durch Telefon, wenig Straßenlärm, Zeit haben, ganz allein für sich und seine Gedanken. Aber nicht nur Kreative profitieren von der Dunkelheit und Stille. Auch Menschen die spirituell auf der Suche sind, können die echte Dunkelheit als Werkzeug für ihren Weg einsetzen. Wer möchte, der zieht sich für einen selbstgewählten Zeitraum in totale Dunkelheit zurück. Hier, wo es keine immer neuen Ablenkungen durch visuelle Reize gibt, entstehen nach einer gewissen Zeit, wenn du dich darauf einlassen kannst, eigene Impulse die nur von innen kommen. Auch bei Managern wird die Suche nach kreativen Lösungsstrategien in totaler Dunkelheit immer beliebter. Laute Menschen werden in der Dunkelheit leiser, da ihnen die sichtbare körperliche Präsenz genommen wird, leise Menschen finden den Mut ihre Gedanken zu äußern. Ein Gleichgewicht kann entstehen, in dem allzu aufgeblasene Egos auf den Prüfstand gestellt werden können.
  • Gesunder Schlaf fördert fokussiertes Bewußtsein. Schlaf in totaler Dunkelheit, ohne die obligatorische halbe Stunde am Handy vor dem Schlafengehen ist die Basis für einen gelungenen nächsten Tag. Wer also am nächsten Tag frisch und fokussiert starten will, der sollte darauf achten, seine Abendroutinen ein wenig umzustellen. Geistig wach sein beginnt also schon mit dem Schlafengehen am Abend zuvor, ein Grundbaustein spirituellen Wachstums.
  • Dunkelheit fördert Urvertrauen. Aus der Dunkelheit kommen wir, in die Dunkelheit gehen wir. Diesen Satz habe ich mir durch den Kopf gehen lassen, als ich mich auf einer Höhlentour durch die fränkische Schweiz dazu entschlossen habe die Dunkelheit zu fühlen.Die urtümliche und ewige Dunkelheit im Schoß der Erde hat etwas vom Bauch der Mutter. Beinahe meint man den Puls des Planeten fühlen zu können, bis man merkt, das es der eigene ist. Dem Urvertrauen nachfühlen, das geht am besten bei einer meditativen Auszeit in einer echten Höhle. Ich werde zu dem Thema sicher noch den ein oder anderen Artikel verfassen.
  • Dunkelheit fördert Selbstvertrauen und wirkt initiatorisch. Ich erinnere mich gut an eine Nacht im Jahr 2016. Es muss ebenfalls um die Wintersonnwende gewesen sein, als es mich zum ersten mal alleine zu einer Übernachtung in den Wald zog. Die größte Hürde stellte für mich damals der endlos lange Weg durch einen stockdunklen Wald dar. Nur das Knirschen meiner Schritte auf dem Kiesweg und die unbekannten Geräusche des Waldes um mich herum als Begleiter. Ich kann mich noch erinnern welche Prozesse in mir abgelaufen sind, als ich irgendwann auf halber Strecke damit aufhörte Furcht vor der Finsternis zu empfinden und die Dunkelheit als Prüfung zu verstehen begann. Eine Prüfung aus der man gestärkt hervorgehen kann. Das alles vereint auch immer Motive einer „Unterweltreise“. Echte Entwicklung kann da beginnen, wo man sich seinen Ängsten stellt. Vielleicht solltest du einfach mal Nachts raus gehen, einem dunklen Pfad folgen und dich mit der Nacht anfreunden.

Zusammenfassung: Die Dosis macht das Gift

Natürlich ist die Erfindung von dauerhaft verfügbarem, künstlichem Licht ein Segen. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Für jeden erschwingliches Licht verschafft uns Sicherheit und Orientierung. Der heutige Standard öffentlicher Ordnung und Infrastruktur wäre ohne die Erfindung künstlicher Lichtquellen undenkbar. Dem elektrische Licht der Aufklärung ist es auch zu verdanken, dass der Aberglaube und die reale Angst vor Nacht und Dunkelheit mehr und mehr aus den Köpfen der Menschen verschwunden ist.

Wir haben uns mit fortschreitender Technik weitestgehend von der Dunkelheit emanzipiert. Aber entfernen wir uns mit dieser Emanzipation nicht auch wieder ein Stück weiter von unserem ursprünglichen Platz in der Schöpfung? Was wir brauchen ist kein radikaler Bruch mit der Moderne, sondern ein maßvoller und weiser Einsatz unserer technischen Errungenschaften.

Vielleicht hast du jetzt Lust bekommen die Dunkelheit für dich neu zu bewerten und zu entdecken? Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß und viele neue Erkenntnisse bei deiner „Arbeit“ mit dem Ur-Element Dunkelheit!

Quellen zum Artikel:

dark-sky.de 

spektrum.de

Verlust-der-Nacht.de

Welt.de

Veröffentlicht von Johannes

Hallo, mein Name ist Johannes. Wenn ich nicht gerade an meinem Blog schreibe oder draußen mit der Kamera unterwegs bin, arbeite ich als Heilerziehungspfleger und engagiere mich ehrenamtlich für den Naturschutz.

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