Alle Räder stehen still! Wintersonnwend

Seit Anbeginn unserer Geschichte beobachten wir Menschen die Vorgänge am Himmel. Der Lauf der Sonne, die Sichel des Mondes und die Sterne sind uns zum großen Taktgeber des Lebens geworden. Zur anstehenden Wintersonnenwende habe ich für euch allerlei spannende Informationen über das kosmische Ereignis zusammengetragen.

Was passiert eigentlich bei einer Sonnenwende?

Am 21. Dezember 2018, genauer gesagt gegen 23:23, ist es wieder soweit. Dieses besondere Datum markiert nicht nur den kalendarischen Beginn des Winters, wir erleben damit auch den kürzesten Tag und die längste Nacht des Jahres. Während wir noch die letzten Geschenke für das Fest einkaufen, auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken oder auf der Couch einen Film auswählen, steuert unser kleiner blauer Planet auf einen weiteren Meilenstein seiner Sonnenumrundung zu.

An diesem Tag erreichen wir auf unserer kosmischen Reise den südlichsten Punkt am südlichen Wendekreis. Mutter Erde hat von der Sommersonnenwende am 21.Juni genau ein halbes Jahr gebraucht, um uns vom nördlichsten Punkt des nördlichen Wendekreises bis hier her zu tragen.

Warum es jetzt kalt, dunkel und ungemütlich wird, hat etwas mit der Neigung der Erde zu tun. Da die Erdkugel um 23,5° zur eliptischen Umlaufbahn geneigt ist, befinden wir uns jetzt auf der von der Sonne abgeneigten Seite. Das bedeutet kurz gesagt, dass aufgrund der Neigung nicht nur ein kleineres Gebiet der nördlichen Hemisphäre bestrahlt wird, sonderen auch insgesamt weniger Sonnenstrahlen auf die Nordhalbkugel treffen. Die Südhalbkugel freut sich jetzt übrigens über die Sommersonnwende und damit über den Beginn des Sommers.

Illustration aus dem 19. Jahrhundert. Gut verdeutlicht sind die solaren Ereignisse, die in der weiterverbreiteten Darstellung des Jahreskreises die Fixpunkte bilden. Sommer / Winter Sonnenwende sowie die beiden Tag und Nacht-Gleichen zu Frühlings und Herbstbeginn.

Warum Sonnenwenden für den frühen Menschen von so großer Bedeutung waren

Schon als die Menschheit noch in den Kinderschuhen steckte, befassten wir uns nachweislich mit Astronomie. Weltweit bestätigen archäologische Funde und die Existenz spezieller historischer Stätten, dass wir uns bereits seit grauer Vorzeit für die großen kosmischen Zusammenhänge interessieren. Aber warum ist es uns so wichtig zu wissen, wann welche Ereignisse im Kosmos stattfinden?

Man geht heute davon aus, dass bereits die Menschen in der frühen Bronzezeit dazu in der Lage waren, sich über präzise Himmelsbeobachtungen ein genaues Bild über die Dauer des Jahresverlaufes zu machen. Ihre Beobachtungen ließen sie vor ca. 3700 Jahren in die Erschaffung eines einzigartigen Artefaktes fließen, in die Himmelsscheibe von Nebra. Auf einer kreisrunden Bronzeplatte befinden sich als goldene Applikationen die Plejaden, der Vollmond und eine Darstellung des Halbmondes. Eingefasst wird dieses Ensemble des Nachthimmels von zwei sogenannten Horiziontbögen, die den linken und den rechten Rand der Scheibe einnehmen.

Und gerade diese Bögen scheinen dazu gedacht gewesen zu sein, den Lauf der Sonne und damit die Zeitpunkte der beiden Sonnenwenden zu bestimmen. Man kann davon ausgehen, dass es für Aussaat, Ernte, die Vorratshaltung im Winter sowie die Kenntnis der heiligen Tage unerlässlich war, zu wissen, wo man sich gerade im Jahr befand und wieviel Zeit einem noch für überlebenswichtige Tätigkeiten in der Landwirtschaft blieb. Die Sonnenwenden teilten so das Jahr in genau zwei Hälften und machten es wohl einfacher abzuschätzen, wie lange zB. der Winter noch andauern würde.

Man kann also vereinfacht sagen: Die Sonnenwenden waren unsere wichtigsten Bezugspunkte im Jahr.

Der Mensch und die Sonnenwende. Dieses Bild habe ich bei einer Sonnwendfeier in Östereich, auf der Neudegg-Alm aufgenommen. Feuer und Gemeinschaft sind heute allerorten essentieller Hauptbestandteil einer Sonnwendfeier.

Die Wintersonnenwende und unser Weihnachtsfest

Gerade die Wintersonnenwende ist prädestiniert für kultische Handlungen rund um die Themen Dunkelheit und Wiedergeburt. Ab dem Zeitpunkt der Wende im Dezember, nach der längsten Nacht des Jahres, kündet die aufgehende Sonne des nächsten Tages an, dass wir uns auf einen neuen Zyklus von Aussaat und Ernte freuen dürfen. Ab jetzt dürfen wir darauf vertrauen, dass uns die wiedergeborene Sonne mit ihren wärmer werdenden Strahlen in einen weiteren Frühling führen wird.

Und heute? Wir stehen mit dem begehen unseres christlichen Weihnachtsfestes in direkter Verbindung mit dem Sonnenkult unserer Vorfahren.

Ein gewisser Papst Hyppolit war bereits im Jahre 217 n.Chr eifrig darum bemüht, dem heidnischenTreiben rund um die winterliche Sonnenwende ein Ende zu setzen. So legte er den Tag Christi Geburt auf den 25.12 und erklärte, dass Jesus selbst das Licht der Welt sei und die Sonne ohne die schöpferische und verwaltende Kraft Gottes keine Bedeutung hätte. Der 25.12. wurde nicht ohne Hintergedanken gewählt, feierten doch die Römer an diesem Tag ihren „unbesiegbaren Sonnengott“ ihren „sol invictus“ mit rauschenden Festen. Aber auch zB. den Kelten, dem Mithraskult in Vorderasien den Germanen und auch den alten Ägyptern war die Sonnenwende ein heiliges Fest, das mit Ahnenkult und Geisterglauben in enger Verbindung stand. Allerdings sollte es noch bis zum Jahr 813 dauern, bis der Tag des Weihnachtsfestes verbindlich für alle Christen auf den 25. Dezember festgelegt wurde.

Über den Kettenthomas und andere Berchtengestalten

Auch die Nacht der Wintersonnenwende ist eine Nacht der Neuanfangs und damit, ähnlich wie unser heutiger Jahreswechsel, eine magische Nacht. Der 21. Dezember steht im Volksglauben eng mit den Rauhnächten in Verbindung, auch hier können, im Schutz der längsten Nacht des Jahres, die Grenzen zur Geisterwelt verwischen. In der christlichen Mythologie wird der 21.12 auch Thomastag genannt. Der heilige Thomas ist laut Evangelium der Jünger Jesu gewesen, der am längsten an dessen Auferstehung zweifelte. Daher ist ihm die längste Nacht des Jahres geweiht. Laut einer alten Legende soll Thomas in der Sonnwendnacht in einem feurigen Wagen vom Himmel niederfahren. Nach dem Heimatforscher Gustav Schmidt, dessen umfangreiche Werke ich gerne zu meinen Recherchen heranziehe, nimmt der heilige Thomas bei uns in Franken einen Platz unter den Berchtengestalten ein und tritt als furchterregender Geselle in Erscheinung. Je nach Landkreis wird er hier Kettenthomas, Thomaspöpel oder auch haariger Thomas geheißen. Mit einem Messer bewaffnet tritt er gar als gefährlicher Kinderschreck in Erscheinung.

Auch die Strohberta, wohl in Anlehnung an die große Berchta, geht bei uns in Oberfranken zur Wintersonnwend um. Als Gaben und Glücksbringerin wirft diese in Erbsenstroh gehüllte Gestalt dem Volksglauben nach den Kindern Äpfel, Nüsse und Süßes in die Stuben. Dieser Brauch ist bei uns auch heute noch lebendig und wird gepflegt. Wer vom Kostüm der Strohberta, die mit ihrem Gefolge von Haus zu Haus zieht, ein wenig Erbsenstroh nimmt, der hat das ganze Jahr lang Glück. Mancherorts wurde die Sonnwend auch „Hollentag“ genannt, ein Hinweis auf die alte, germanische Göttin Frigga.

Alle Räder stehen still – Brauchtum und magische Praktiken zur Wintersonnwend

Mancherorts wurde in der Thomasnacht weder ein Fuhrwerk gelenkt, noch wurde an den Spinnrädern gearbeitet. Auch das Backen von Brot oder das Zubereiten von Linsen war nach dem Volksglauben an diesem Tag nicht schicklich. Nach dem Vorbild der Sonne musste alles was rund war ebenso stillstehen. Zudem war es in einigen Ortschaften seit germanischer Frühzeit Brauch, ein Rad auf die Hauswand zu zeichnen.

Es wurde am Vorabend ein spezielles Brot gebacken, dessen Teigbeschaffenheit einen Blick in die Zukunft gestattete. Junge Frauen konnten um Mitternacht beim Blick in Brunnen und Wassereimer für einen kurzen Moment das Gesicht ihres Zukünftigen schauen. Dieser Blick in die Zukunft war, dem Charakter der magischen Nächte nach, nicht ungefährlich. Leicht konnte sich auch anstatt des zukünftigen Bräutigams auch der Teufel im Spiegel des Wassers zeigen. Hier zeigt sich, das die Nacht der Wintersonnenwende auch immer schon eine Losnacht zur Zukunftsschau gewesen ist.

Die Liste der Bräuche und Praktiken ließe sich noch endlos fortführen und variiert von Ortschaft zu Ortschaft und von Region zu Region teilweise stark.

Wie auch immer wir die Sonnenwende in unserer heutigen Zeit beurteilen, es gibt wohl weltweit kein anderes, immer wiederkehrendes Himmelsereignis, das uns Menschen so stark geprägt hätte als das große Versprechen auf einen neuen Frühling.

Verwendete Quellen:

Oberfränkisches Brauchtum in alter und neuer Zeit – Gustav Schmidt herausgegeben im Auftrag der Oberfrankenstiftung 1994

Sonnenobservatorium Goseck

Time and Date

Wikipedia.org

Veröffentlicht von Johannes

Hallo, mein Name ist Johannes. Wenn ich nicht gerade an meinem Blog schreibe oder draußen mit der Kamera unterwegs bin, arbeite ich als Heilerziehungspfleger und engagiere mich ehrenamtlich für den Naturschutz.

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