Das Atmen unter der Erde spüren

Während sich der Rauhreifüberzug schneeloser Wintertage in der Stadt bereits verzogen hat, ist er hier oben in der verlassenen Gartensiedlung überpräsent. Es scheint, als wäre der Frost hier am Berghang, wo immer neuer Nebel und Dunst Herbstgespenstern gleich zwischen den Bäumen umherzieht, monatelang nicht gewichen. Während ich mich vorsichtig durch das mit scharfkantigem Metallschrott übersäte Dickicht schlage, brechen immer wieder lange Nadeln aus Frostkristallen von den dünnen Ästen über mir und lassen einen feinen, kalten Staubregen niedergehen. Unter meinen Füßen knackt und knistert indes die dicke, gefrorene Laubschicht, die hier beinahe den gesamten Waldboden bedeckt.

Nicht den ganzen Waldboden. Eine Stelle sieht wie saubergefegt aus. Als ich näher komme, bemerke ich dass hier jemand erst vor kurzem eine frische Wohnhöhle in den sandigen Boden gegraben hat. Ein schönes, beinahe kreisrundes Loch führt hinab in eine für mich unsichtbare Kammer. Ich gehe davon aus, dass ein Dachs dieses Loch gegraben hat und stelle mir eine schwarzweiße, sanft atmende Kugel vor, die nur durch eine Schicht Erde von mir getrennt dort unten auf die Dämmerung wartet.

Herzschlag und leises Atmen in der Dunkelheit, eine warme Wohnhöhle im Schoß der Erde. Geborgen zwischen Wurzel und Stein. Eine schöne Vorstellung.

Ich folge einem inneren Impuls und lege meine Hand dort auf den Boden, wo ich die Schlafkammer des Tieres vermute. Ein intensives Gefühl von Wärme durchströmt meine Gedanken, als ich Stück für Stück visualisiere, was dort unten zwischen Stein und Wurzel in der fremden Welt des kleinen Raubtiers vor sich gehen könnte. Ich stelle mir vor, wie die Wärme des Dachses den kleinen Schlafraum ausfüllt, während hier oben die Eisnadeln an den Bäumen wachsen. Beinahe kann ich seinen Herzschlag hören und unweigerlich frage ich mich, ob Dachse träumen.

Dann verliert sich die Verbindung, ich spüre dass ich hier eigentlich störe und sehe zu, dass ich weiterkomme. Zurück bleibt die Erinnerung an ein schönes, emphatisches Naturerlebnis und an einen kleinen Einblick in den Bauch von Mutter Erde, der mich den ganzen weiteren Tag begleiten soll.

Was war deine letzte intensive Begegnung mit der Natur? Lass es mich in den Kommentaren wissen 🙂

Veröffentlicht von Johannes

Hallo, mein Name ist Johannes. Wenn ich nicht gerade an meinem Blog schreibe oder draußen mit der Kamera unterwegs bin, arbeite ich als Heilerziehungspfleger und engagiere mich ehrenamtlich für den Naturschutz.

4 Gedanken zu „Das Atmen unter der Erde spüren“

  1. Die Verbindung mit dem kleinen Tier, das sich “ trotz “ uns Menschen seinen Platz sucht, sie kam dank deiner tiefempfundenen wahrhaften Beschreibung des augenblicks , der umgebung, der natur, bei mir zustande. Danke für deine natürlichen Empfindungen.

    1. Vielen Dank für dein schönes Feedback! Es sind ja meistens die kleinen, wertvollen Augenblicke, die man einfangen und konservieren sollte! Es freut mich riesig, dass mir das hier gelungen zu sein scheint. 🙂

  2. Bin irgendwie zufällig über diesen Blog gestolpert…

    Deine Beschreibung ist wirklich ein kleines, schönes Stück Naturromantik! Die „schwarzweiße, sanft atmende Kugel“ ist ja beinahe schon – ich will nicht kitschig klingen, aber – herzzerreißend… 🙂
    Und bei den Worten „geborgen zwischen Wurzel und Stein“ ist die Wärme in den Tiefen der Erde fast spürbar… Wirklich schön geschrieben!

    1. Toll, dass du den Weg auf meinen Blog gefunden hast und vielen lieben Dank für den schönen Kommentar — Ich scheine ja nicht der Einzige zu sein, der seine Emotionen treffend zu beschreiben vermag! „Geborgen zwischen Wurzel und Stein“ drückt für mich genau dieses Gefühl von Urvertrauen in die Erde aus, die bei all dem Werden und Vergehen selbst noch für die Kleinsten von uns Verantwortung trägt. Übrigens kann ich dich beruhigen: Von Kitschig ist dein Feedback weit entfernt 🙂

      LG Johannes

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